Texte

Nebenan 3 - Vor meiner Tür, Schloss Agathenburg
Auszug aus der Eröffnungsrede von Dr. Rainer Beßling, 22.01.2012

... Heide Duwe nahm den Fund einer toten Libelle zum Anlass, sich mit den Erscheinungsformen, den Flugeigenschaften und Lebensräumen der Libellen vor ihrer Haustür, das heißt in der Nähe von Bremerhaven, bei Bederkesa, am Flögelner See, im Ahlenmoor zu befassen. Die Lebensbedingungen der Libellen haben sich dramatisch gewandelt. Die Veränderung von Landschafts- und Gewässerformen tragen im Land Bremen zum Verschwinden des Lebensraums der Grünen Mosaikjungfer bei.

Bevor es Fotografie und Film gab, dokumentierten Zeichnungen die Naturerscheinungen, das heißt, Pflanzen und Tiere. Man könnte meinen, die neuen Bild gebenden Medien seien den Strichen per Hand überlegen. Doch das Auge des Zeichners fokussiert ganz anders als das Objektiv der Kamera. Der Zeichner wählt aus und gewichtet, erkennt und fixiert die Eigenarten des Objekts. Gerade die subjektive Sicht bringt uns die Charakteristika des gesehenen Naturphänomens näher. Wenn Randständiges ausgeblendet wird, sehen wir das in seinem Wesen und seiner Substanz umso schärfer.

Auch Heide Duwe bringt uns mit ihren Zeichnungen die Schönheit der Libellen näher als jedes Foto. Wir erkennen in ihren Blättern die faszinierende Struktur der fragilen Flügel im kompositorischen Nachvollzug. Diese flächig-plastische Setzung gibt uns Einblick in das Wesen der Gestalt, in eine atmende und bewegte Oberfläche. Das Stoffliche, Körperliche und Organische des Insekts ist im zeichnerischen Nachbild weit präsenter als im fotografischen Abbild. Dabei tritt es in seinem ästhetischen Gehalt auf und vermittelt uns zugleich seine animalischen Eigenschaften. Die Schönheit der Gestalt und Gestaltung bringt uns auch ihre Ansprüche und ihre Bedrohungen näher.

Wenn wir das, was vor unserer Tür auftritt und geschieht, nur richtig anschauen würden, so könnte man vielleicht eine Wirkung von Heide Duwes wundervollen Zeichnungen benennen, dann wären wir auch sensibilisiert für die Bedürfnisse der Lebewesen vor unserer Haustür. Wenn sie uns plötzlich nahe kommen, wie die Libellen, sollten wir das als ein Zeichen nehmen für die Herausforderung an unsere Aufmerksamkeit. Kunst kann hier Sensibilität auf besondere Weise fördern. Über die Realisierung der Schönheit von Formen erkennen wir die Bedürfnisse der Wesen in unserer Nähe ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Dragonfly“, Galerie Herold, Bremen

Einführende Worte zur Eröffnung am 31.10.2008 von Ingrid Trantenroth-Scholz
"Gedanken zum Libellenzyklus" (Auszug)


 

... Nehmen wir uns einem weiteren Aspekt der Fähigkeit der Libellen vor:

Die ungeheure Geschwindigkeit, mit der sie ihren Flug vollführen, hinterlässt eine Flüchtigkeit in der Verfolgung der Bewegung und wirkt darüber hinaus durch einen ständigen Richtungswechsel irritierend.

So sind die eingefangenen Spuren wechselnder Richtungslinien, die Heide Duwe einem anderen Teil des Zyklus widmet, die eingefangenen Flugbewegungen. Die linearen Spuren auf der Bildfläche führen in unterschiedliche Richtungen, so dass das Auge des Betrachters in ständiger Bewegung gehalten wird. Durch die abgebrochenen, zum Teil flüchtig auslaufenden Linien kann der Flug nachvollzogen werden. Das, was wir als Betrachter beim Flug der Libelle nur gedanklich nachvollziehen können, legt uns Heide Duwe als festgehaltene Spur auf der Bildfläche dar und visualisiert ihre subjektive Wahrnehmung der Fluggeschwindigkeit und des Richtungswechsels. 

Der Flug, der ein Zeitmoment beinhaltet, stellt sich auch im Malprozess ein. Und doch ist das Ergebnis, das wir sehen, erstarrt. Es kann aber wieder, wie oben beschrieben, durch das Abtasten der Spuren vom Betrachter in einem bewegten Zeitablauf nachvollzogen werden. Dieser Vorgang ist zunächst unbewusst, da wir gelernt haben ein Bild in seiner Ganzheit wahrzunehmen.

Auch hier bleibt die lineare Spur auf einem weißen Malgrund stehen und ist losgelöst von der natürlichen Umgebung der Landschaft. Daraus ergibt sich ein abstraktes und autarkes Bildgefüge ...

 

 

 

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